Akupunktur am Beispiel von Migräne

Akupunktur ist eine etwa 3000 Jahre alte Behandlungsform aus China. Genau definierte Punkte der Körperoberfläche werden vom Arzt mit sehr dünnen Nadeln gestochen, wobei häufig der (oder die) gestochenen Punkte weit entfernt vom schmerzhaften Gebiet liegen. Beim Seitenkopfschmerz beispielsweise, der einen plötzlichen und heftigen Schmerzcharakter hat, liegen die zur Behandlung wesentlichen Punkte an der Außenseite des Unterarms und der Hand, sowie an der Außenseite des Unterschenkels und des Fußes. Die für Laien zunächst ungewöhnliche Vorgangsweise, nämlich nicht nur das schmerzhafte Areal (z. B. die Schläfe am Kopf) sondern auch "nicht schmerzhafte" andere Stellen des Körpers in die Behandlung einzubeziehen, gründet sich auf den uralten chinesischen Wissen von Energiekreislauf des menschlichen (und im übrigen auch des tierischen) Körpers. Die chinesische Medizin nennt jene Kraft, die im Organismus alle Lebensvorgäng gewährleistet und in Gang hält, das "QI". Die Bahnen, in denen das "QI" zirkuliert und die alle Organe mit der Körperoberfläche verbinden, werden übersetzt "Meridian" genannt.

Tatsächlich kann heute, mit den Methoden modernen westlicher Wissenschaft (Infrarotphotograpie, Hautwiderstandmessungen, histologischer Nachweis von vermehrten Nervenendigungen etc.) die Existenz von Akupunkturpunkten und Meridianen bewiesen werden. Der in den Anfängen der Akupunktur in Europa häufig betriebene Gelehrtenstreit, ob Akupunktur fernöstliche Magie sei oder sich tatsächlich auf naturwissenschaftlich beweisbare Fakten begründe, ist heute überholt. Die therapeutischen Erfolge der Akupunkturtherapie sind, wenn diese von einem gut ausgebildeten Arzt durchgeführt wird, vorhersagbar und sehr oft lang anhaltend. Durch das Einstechen der Nadeln in die Akupunkturpunkte und gegebenenfalls durch eine anschließende Stimulation, indem der Arzt die Nadel beispielsweise leicht in und gegen den Uhrzeigersinn dreht, wird ein typisches Empfinden beim Patienten ausgelöst. Die chinesische Medizin nennt dieses Empfinden "de QI" (das Ankommen und Wandern des "QI"). Es handelt sich um ein schwer beschreibbares, dumpfes Gefühl, das am Ort des Einstiches auftritt, und die Tendenz hat, sich in Meridianrichtung auszubreiten.

Dem anfänglich unter Umständen etwas unangenehmen, neuartigen Empfinden schließt sich immer eine sehr wohltuende Entspannung an. Die Nadeln sollen während der meist 20 Minuten dauernden Therapie, bei welcher der Patient liegt oder angelehnt sitzt, nicht als störend empfunden werden. Oft wird von Patienten ein Wärmegefühl beschrieben, das im Gebiet des Akupunkturpunktes, oder auch im Meridian auftritt. Viele Patienten schlafen während der Akupunkturbehandlung ein.

Die chinesische Akupunktur ist eine ganzheitliche Methode. Sie zielt darauf ab, sämtliche Vorgänge und Regelmechanismen im Organismus in Harmonie zu bringen. Die chinesische Medizin nennt das therapeutische Ziel nüchtern die Herstellung eines inneren Gleichgewichtes von YIN und YANG. Die Rückführung zur Norm (Harmonie) geschieht, indem Energie dort, wo sie sich staut, ins Fließen gebracht wird, dort wo sie relativ zu viel ist, vermindert wird und dort, wo sie fehlt, ersetzt wird.

Im Falle der Migränekopfschmerzen diagnostiziert die chinesische Medizin einen Stau von "QI" in den Meridianen seitlich am Kopf (Gallenblasen-Meridian und 3facher Erwärmer. Ursache des nicht harmonischen Fließens von QI ist nach chinesischer Anschauung eine Funktionsstörung jener inneren Organe, die mit dem Meridian "Gallenblase und 3fach Erwärmer" direkt in Verbindung stehen.

Meist ist es eine Kombination von äußeren belastenden Faktoren (Streß im Beruf etc.) und einem inneren emotionalen Ungleichgewicht (seelische Faktoren), die zu jener Funktionsstörung führen. Oft ist dann ein kleiner Anlaß, wie ein Wetterwechsel oder ein ärgerliches Ereignis Auslöser für die eigentliche Migräneattacke. Allen Migränesymptomen ist ein von Patienten subjektiv empfundenes Kennzeichen gemeinsam: Der Schmerz wird wie ein Überdruck im Kopf empfunden. Erstes Ziel der Akupunkturbehandlung ist es, das "Übermaß" aus dem Kopfgebiet abzuleiten. Dies geschieht, wie erwähnt, einerseits durch Stechen von Akupunkturpunkten, die fern von Kopf, zum Beispiel am seitlichen Unterarm oder am Fußrücken, liegen. Eine zusätzliche Möglichkeit bei besonders heftigen, pochenden Kopfschmerzen ist das Anstechen einer kleinen Vene im Bereich der Schläfe. Die Maßnahme führt, wenn sie an der korrekten Stelle vom Arzt durchgeführt wird, zu einer sofortigen, deutlichen Schmerzreduktion.

Da, wie gesagt, nach chinesischer Erfahrung neben den "äußeren" Symptomen, die sich am Kopf als Schmerzen manifestieren, auch eine Störung des inneren, emotionalen Gleichgewichtes besteht, muß die Akupunkturtherapie darauf speziell eingehen. Es wird daher sinnvollerweise nach Beseitigung der akuten Schmerzsympotmatik die Akupunkturtherapie versuchen, eine Harmonsierung des inneren Gleichgewichtes herbeizuführen. Diese Regulation erfolgt über den, wie es die Chinesen nennen, Funtkionskreis Leber/Gallenblase. Der dauerhafte Erfolg hängt sehr wesentlich von jener zweiten Phase der Akupunkturtherapie ab. Die Anzahl der Behandlungen kann zwar nicht schematisiert werden, liegt jedoch üblicherweise bei 5 bis 10 Anwendungen. Bei guter Reaktionslage ist es, besonders bei akuten Beschwerden, häufig möglich, bereits nach wenigen (1-4) Behandlungen Beschwerdefreiheit zu erzielen.

ÄRZTE FÜR AKUPUNKTUR ( Mitglied des Dachverbandes der Österr. Ärzte für Ganzheitsmedizin) hofft, Ihnen mit diesem kurzen Artikel wesentliche Informationen zur Akupunkturtherapie des Kopfschmerzes vermittelt zu haben.

Dr. Rainer Kluger
Präsident der ÄRZTE FÜR AKUPUNKTUR, Wien